Der Weg nach oben ist steinig geblieben

Der rasante Rhythmus der Nachwendezeit anno 1989/90 hat den Chor nicht verschont. Da war es folgerichtig, dass sich die junge Generation während einer Bergwanderung entschloss, das Ruder aus den Händen der Altgedienten zu übernehmen. An deren Verdiensten gab es nichts zu zweifeln, denn sie hatten den Weg der Gründergeneration in Ehren und erfolgreich fortgesetzt. Aber die Jungen könnten – so ihre Gedanken – ihren populären Chor besser von der sozialistischen Plan- in die kapitalistische Marktwirtschaft führen. Sie behielten Recht: Nicht nur Computer, Fax, Internet und Handy – auch das Vereinsgesetz kam unverhohlen über die Elbe. Eine andere, fremde Gesellschaft allemal. Manch Anfeindung wegen der linken Chor-Vergangenheit flatterte mit anonymer Post ins Haus. Da mussten klarer Kopf und ehrlicher Standpunkt behalten und weltoffen gehandelt werden. Dass Dresden, die Stadt der Kunst, Kultur und der Geisteswissenschaft, seine Heimat ist, hat der Chor in 14 Ländern der Erde unüberhörbar nachhaltig unter Beweis gestellt – als Chor des friedlichen Brückenschlags über alle Grenzen hinweg.

Nicht umsonst regelt die Satzung seit 1990, dass der Bergsteigerchor „Kurt Schlosser“ Dresden das Wort „Sächsisch“ seinem ehrenvollen Namen voranstellt. Und „Kurt Schlosser“ blieb! Warum eigentlich nicht? Jene elf Gründungsmitglieder, die ihren aufrichtigen Widerstandskampf gegen die Faschisten mit ihrem Leben bezahlten, jene nahezu 50 Sänger, die den Nationalsozialisten mutig die Stirn boten, haben ihren Ehrenplatz in der Chorchronik behalten – erst recht Kurt Schlosser, der nach Georg Schönberger erfolgreich als Chorvorsitzender gewirkt hat, bis ihm die braunen Häscher mit dem Fallbeil sein junges Leben raubten.

2017 – im 90. Jahr seines Bestehens – präsentiert sich der Sächsische Bergsteigerchor „Kurt Schlosser“ Dresden mit seinen Dirigenten und Fördermitgliedern als verschworene Gemeinschaft: beliebt, gefestigt, gesellig, sangesfreudig, humorvoll und den Bergen zugetan – dabei streitbar und sensibel. Bis in unsre Tage sind Lebenslust, Bergfreundschaft, die Freude am Sport, am Wandern und Klettern, die Naturverbundenheit geblieben. Nur wer seine Historie kennt, wird seine Lieder verstehen. „Wer seine Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft. Wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.“(Friedensreich Hundertwasser)

Es ist beglückend zu erleben, wenn die Jungen von ihren Wünschen und Träumen, die Älteren aus ihrem Leben erzählen. Da sitzen viel Verständnis und Toleranz mit am Tisch. Vier Gesellschaftsordnungen hat der Chor durchlebt: die Weimarer Republik, den Faschismus, die sozialistische DDR und schließlich die kapitalistische Marktwirtschaft. Die Wertungen sind in der Chorchronik unkommentiert nachzulesen – ohne Schwarz-Weiß-Malerei, den Tatsachen entsprechend.

Die Programme atmen Geschichte, bieten homogene Klangfülle und Vielfalt, wovon selbst gestrenge Rezensenten beeindruckt sind.
Das wissen Presse, Funk, Fernsehen, Platten- und CD-Studios, Filmer, professionelle Solisten und Orchester, Sponsoren, Fotografen, Poeten, Komponisten und Arrangeure zu schätzen. Auch ihnen, seinem unverwechselbaren Publikum und ganz besonders seinen Dirigenten verdankt der Bergsteigerchor seine Popularität.

Seine Chronik ist prall gefüllt mit Erinnerungen – ernsten, zu Herzen gehenden Episoden, aber auch Begebenheiten, die schallendes Gelächter produzieren. Urwüchsiger Humor, stimmungsvolle Baudenabende und Feiern sind dem Chor ebenso wesenseigen, wie Disziplin, Herzlichkeit und Engagement über Generationen hinweg.

Die Sänger widmen sich seit 1927 dem Chorgesang mit Hingabe – fernab sentimentaler Heimattümelei, aber dem Leben und der Zukunft
zugewandt. Das Erbe der Gründergeneration um Kurt Schlosser ist wohlbehütet.

Das Ensemble ist für alle offen, die sich humanistischen Traditionen verpflichtet fühlen, die die Berge lieben und die Natur achten. Der hohe Anspruch des Chores an seine Leistungen schließt Risiken und Nebenwirkungen nicht aus, denn ohne Einsatzfreude geht nichts. Das ist er seinem Ruf schuldig.

Probe im Fährgarten 2019

Probe im Fährgarten 2019